Förderkonzept der Primarstufe (Klasse 1 - 4) der Erich Kästner Schule

 

Im Verlauf der frühkindlichen Entwicklung können bei einem Kind durch Komplikationen vor, während oder nach der Geburt, durch Krankheiten, Unfälle, Misshandlungen oder auch geringe Anregungen und Hilfestellungen im Elternhaus Entwicklungsverzögerungen und sensorisch integrative Dysfunktionen auftreten. Diese führen zu einem komplexen Bild von verschiedenen Lernstörungen:  

v     Störungen in den einzelnen sensomotorischen Wahrnehmungsbereichen (taktil, kinästhetisch, vestibulär, auditiv, visuell) und deren Integration

v     gestörte Grob‑ und Feinmotorik

v     Gedächtnis‑ und Konzentrationsprobleme

v     ADHS,  ADS

v     Verhaltensauffälligkeiten (geringe Ich‑Stabilität und Soziabilität)

v     Störungen in der Sprachentwicklung

v     Probleme beim Schriftspracherwerb und beim Aufbau von mathematischen Fähigkeiten

Schüler, die aufgrund o.g. Probleme an der Grundschule nicht mehr ausreichend gefördert werden konnten, oder bei denen bereits im Kindergarten erheblicher sonderpädagogischer Förderbedarf ermittelt wurde, werden bei ermitteltem Förderbedarf mit dem Schwerpunkt „Lernen“ entweder zu Beginn eines neuen Schuljahres eingeschult oder wechseln in besonderen Situationen auch mitten im Schuljahr aus der Grundschule in eine Lerngruppe der  Primarstufe/ Unterstufe der Förderschule „Lernen“.  

 

Die sonderpädagogische Arbeit in der Primarstufe hat die Aufgabe, die Schülerinnen  und Schüler in dreifacher Weise zu unterstützen:

Sie sollen ihre Individualität ausformen, ihre Stärken und Schwächen erkennen und möglichst eine positive Einstellung zu sich entwickeln (Aufbau von Ich‑Stärke). Sie sollen Wissen und Können über die Dingwelt erwerben (Erlernen der Kulturtechniken, Sachwissen) und  lernen, sich in einer Gemeinschaft zurechtzufinden, in ihr zu leben und sich als Teil der gesamten Gesellschaft (Soziabilität) zu begreifen.

Aus o.g. Zielsetzungen und den jeweiligen Lernvoraussetzungen leitet sich auch das Förderkonzept der Primarstufe der Erich Kästner Schule ab, welches  den Unterricht im Wesentlichen bestimmt:

 

1.  Diagnostik:

 

Eine Diagnose des schulischen Leistungsstandes bzw. der Schulreife, der  kognitiven  Voraussetzungen, der motorisch‑sensorischen Entwicklung, der Vorlieben und Stärken der einzelnen Schüler und Schülerinnen sowie die Kenntnis der häuslichen Situation sind unabdingbar, um Ansatzpunkte für eine individuelle Förderung zu finden und positive Entwicklungsschritte zu ermöglichen.

Dabei ist es dringend erforderlich, dass die Kinder in ihrer Ganzheit und besonders im Hinblick auf ihre Stärken gesehen werden, um Motivation und Freude am Lernen, die häufig durch Misserfolgserlebnisse verloren gegangen sind, wieder neu aufzubauen.


 

 

 

 

2. Individualisierung:

 

Unterrichtsinhalte und ‑methoden müssen die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen berücksichtigen.

Es ist bei den gehäuft auftretenden Verhaltensproblemen innerhalb der Klassen nicht vorauszusetzen, dass Aufgabenstellungen und Arbeitsformen (z.B. Freiarbeit, Partnerarbeit) sofort einsetzbar sind.

Das Lernen muss gelernt und eingeübt werden. Das heißt, jedes Kind muss zusammen mit der Lehrperson seine Bedingungen herausfinden, unter denen es sich erfolgreich Wissen, Können und Werte aneignen kann (Methodenkompetenz).

Differenzierter Unterricht erfordert ein Maß an gegenseitiger Akzeptanz, Toleranz und Geduld aber auch an Selbstdisziplin. Eine positive Lernatmosphäre und der Vorbildcharakter der Lehrperson können diese Eigenschaften bei den Schülern fördern.

 

3. Erziehung:

 

Aus den eben beschriebenen Problemen ergibt sich, dass der erzieherische Aspekt in der Unterstufe neben der fachlichen Zielsetzung in den Vordergrund rückt.

Das schließt auch alltägliche, lebenspraktische Situationen wie gemeinsames Essen, Hygienetraining, Umgang mit Material und Spielen, Ordnung in der Klasse, Verhalten an öffentlichen Orten usw. mit ein.

Mitmenschliche Umgangsformen (höfliche, freundliche Ansprache, das Zauberwort „bitte", Entschuldigungen, kleine Geschenke für Geburtstagskinder, Briefe an kranke Mitschüler...) und auch das Feiern von Festen müssen eingeübt werden.

 

4. Erweiterung der Weltsicht:

 

Der Alltag unserer Schüler ist im Wesentlichen geprägt von einer Konsum‑ und Medienwelt (Gameboy, Fernseher, Computer etc.). Das führt zu einem Verlust an realen, begreifbaren Erfahrungen, die es gilt im Unterricht nachzuholen.

Für den Unterricht bedeutet dies, den Klassenraum zu verlassen und ihn auf „reale" Lernorte auszuweiten (Schulgelände mit Schulgarten, Umweltzentrum, Polizei, Feuerwehr etc.).

 

5. Mehrdimensionales Handeln:

 

Jeder Mensch lernt anders und verfügt über individuelle Lernmuster. Diese Erkenntnis der Hirnforschung (Vester) bedeutet für den Unterricht, dass möglichst multifaktorielle Lernsituationen geschaffen werden, die die Bereiche Wahrnehmung, Sprache, Motorik, Kognition, Emotion und Soziabilität umfassen. So soll beim Erlernen bestimmter Sachverhalte (z. B. Buchstaben, Mengen, Rechenoperationen) das Kind in seiner Gesamtpersönlichkeit angesprochen werden. Der Lerngegenstand kann intensiver gespeichert werden, wenn er über mehrere Eingangskanäle (Sinne) verläuft.


 

6. Bewegung:

 

Die Ursachen vieler Lernstörungen sind oft in gestörten Integrationsprozessen des Zentralnervensystems zu suchen, d.h. das Zusammenspiel zwischen Wahrnehmungsimpuls, Selektion von wichtig und unwichtig und einer daraus resultierenden Handlung funktioniert nicht reibungslos und führt im weiteren Verlauf der Kindheit zu Wahrnehmungsstörungen, wie z. B. beim Erkennen der Raumlage und später zu Teilleistungsstörungen z.B. im Schreiben oder Rechnen.

Die Integrationsleistungen des Gehirns beginnen schon sehr frühzeitig im Neugeborenenalter auf der Ebene der Reflexe. Durch das Zusammenspiel Wahrnehmung und Motorik wird auch die Zusammenarbeit verschiedener Hirnstrukturen gesteigert, die Lernkapazität des Organismus wächst. Im ersten Lebensjahrzehnt wird die neurologische Organisation weitgehend abgeschlossen, die Zusammenarbeit verschiedener Hirnstrukturen kann aber noch im Grundschulalter gesteigert werden.

Für die Unterstufe bedeutet dies, dass für die Schüler besonders in den ersten Klassen psychomotorische Bewegungspausen (z.B. Bewegungslieder, Bewegungspausen auf dem Schulhof oder dem nahegelegenen Spielplatz)  in den  schulischen Tagesablauf mit einbezogen werden. Eine sinnvolle Förderung  für einzelne Kinder ist auch das heilpädagogische Reiten und Voltigieren.

 

7. Ganzheitliches Vorgehen:

 

Unterricht sollte nicht nur aus einzelnen Übungs‑ und Lehrgängen bestehen, sondern Schülerinnen und Schüler in ihrer Gesamtpersönlichkeit ansprechen.

Unterrichtsinhalte (Sachthemen) sollten lebensnah und ‑bedeutsam sein und können dann auch im übrigen Fächerkanon (Sprache, Rechnen, Musik, Kunst) aufgegriffen werden.

Schule und Klasse selbst sollten für die Schüler zum Lebensort werden, an dem sie für sich bedeutsame Erfahrungen sammeln können (Freundschaften leben, Aufgaben übernehmen, Feste feiern, Mahlzeiten zubereiten, spielen, gärtnern etc.). Gleichzeitig sollte die Klasse auch ein Ort sein, an dem Schüler Verlässlichkeit und Sicherheit erleben können (Rhythmisierung, klare Strukturen, regelmäßig wiederkehrende Rituale).

Eine  wesentliche Voraussetzung für jegliches Lernen ist eine positive Bezierung zwischen Schüler und Lehrer, Schüler und Schüler sowie Lehrer und  Eltern. Dies setzt allseitige Offenheit und immerwährende Beziehungsarbeit  voraus.

 

Konzeptionelle Umsetzung:

 

Die Schülersituation an der unserer Schule bringt es mit sich, dass in der Primarstufe (Klasse 1- 4) vorrangig in jahrgangsübergreifenden Klassen gelernt wird. Bewährt hat sich eine  „Eingangsklasse„ mit den Klassenstufen 1/2  oder 1/2/3  und die Bildung einer Klassenstufe 4.

Als „Starthilfe“ wurde für einige Erstklässler in den letzten Jahren das Schüler- Paten-System eingesetzt, wobei sich Schüler der Klasse 1 feste Paten oder wahlweise auch ältere Geschwister als Ansprechpartner in den Pausen oder zur Unterstützung bei besonderen Aktionen und Ausflügen auswählen können. Seit dem Schuljahr   2013/14 wurden erstmals auch in der Klasse 1/2/3 Klassensprecher gewählt, die als vollwertige Mitglieder an den  SV Sitzungen  teilnehmen.

 

Die Einstufung vor allem der Schüler, die aus einer Grundschule zur EKS wechseln, erfolgt nach unterschiedlichen, für jedes Kind individuell festgelegten Kriterien mit dem Ziel, in der individuell bestmöglichen Lerngruppe unterrichtet zu werden.

 

Denn in unserer pluralistischen und zunehmend multikulturellen Gesellschaft, die sich zudem durch den technologischen Fortschritt sehr schnell verändert, hat sich die Erfahrungswelt auch der jüngeren Kinder in den letzten Jahren sehr verändert, so dass es immer schwieriger wird, altersspezifische Lernstandards zu erwarten bzw. Lernziele für eine jeweilige Klassenstufe festzulegen.

So können die Kriterien für die Einstufung der Lern- und Leistungsstand, aber auch das Lern- und Arbeitsverhalten oder der  soziale- emotionale Entwicklungsstand sein, so dass altersheterogene Gruppen in der Primarstufe der Erich Kästner Schule die Regel sind.

 

Für die probeweise Einstufung in eine Lerngruppe/ Klasse wird besonders bei sogenannten „Quereinsteigern“ zunächst das sonderpädagogische Gutachten zur Einschätzung des Lern- und  Entwicklungsstandes zu Grunde gelegt. Nach weiterer informellen Überprüfung und Beobachtung erfolgt die endgültige Zuordnung in eine feste Klasse, wobei der Lernstoff auch hier individuell angepasst werden muss. Mit Hilfe der individuellen Förderpläne werden unabhängig von den Klassenstufen halbjährig individuelle Förderschwerpunkte gesetzt, verfolgt und mit den Eltern besprochen. Eine Überprüfung der Lernfortschritte erfolgt je nach Fach und Lernstufe nach den im Bewertungskonzept beschriebenen Prinzipien.

 

Die Stundentafel beider Lerngruppen/ Klassen der Primarstufe der Erich Kästner Schule entspricht der allgemeinen Primarstufenregelung für die Grundschule.

Der Unterstufenstundenplan legt fest, dass täglich am Vormittag jeweils eine Unterrichtseinheit im Bereich „ Deutsch“ und eine Einheit im Bereich „ Mathematik“  stattfindet. Nach Möglichkeit und Stellenkontingent sind hier besonders in der Klasse 1/2/3 Doppelbesetzungen vorgesehen. Aufgrund der kurzen Konzentrations- und Arbeitsphasen wird besonders in Klasse 1/2/3  außerhalb des 45 Minuten-Taktes in kürzeren Lernsequenzen gearbeitet, die häufig durch Bewegungs- oder Spiel- und Erholungsphasen begleitet werden.

Alle Kinder der Primarstufe nehmen, sobald sie emotional, physisch und sozial dazu in der Lage sind, an drei Nachmittagen in der Woche am Nachmittagsunterricht bis 15.30 Uhr teil. So übersteigt die wöchentliche Unterrichtszeit und somit die sonderpädagogische Förderung für jedes Kind maßgeblich das Stundenkontingent der Regelgrundschule.

Während in der Mittel- und Oberstufe im Nachmittagsbereich klassenübergreifende Arbeitsgemeinschaften angeboten werden, findet im Primarbereich der Nachmittagsunterricht einschließlich der Mittagspause im Klassenverband und überwiegend  auch in den eigenen Klassenräumen statt. Dies bietet den  Vorteil, dass die Angebote verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse und Interessen der Lerngruppe  abgestimmt werden können und das soziale Lernen und die Förderung der emotionalen Entwicklung im Vordergrund stehen können (gemeinsame Aktionen im Bereich Spiel, Sport, Werken, Hauswirtschaft, kreatives Gestalten, kleine Ausflüge etc.) .

Hier profitiert besonders die Klasse 1/2/3 von den räumlichen Gegebenheiten, da zusätzlich zum Klassenraum noch ein weiterer Förder- und Spielraum zur Verfügung steht. Dieser bietet neben den Möglichkeiten zum Freien Spiel z.B. in der Bauecke oder auf dem Autoteppich auch individuelle Rückzugsmöglichkeiten oder Gelegenheit zur Entspannung. In der Klasse 4 können die Schüler je nach Lerngruppe auch bereits an einem oder mehreren Nachmittagen ihren individuellen Interessen durch die Teilnahme an kontinuierlichen Arbeitsgemeinschaften nachgehen.

 

Die Lerninhalte in den Kernfächern Deutsch und Mathematik werden bei innerer Differenzierung  häufig durch individualisierende Unterrichtsmaterialien / Arbeitsmappen (ab Klasse 1) und in Klasse 4 häufig schon im Wochenplansystem erarbeitet bzw. vermittelt. Sie orientieren sich sowohl inhaltlich als auch im Aufbau an den  Kernlehrplänen, ermöglichen dem Schüler aber eine Erarbeitung nach seinem individuellen Lerntempo.

 

Auch in den anderen Fächern wird bei individueller Gewichtung auf verschiedene Schwerpunkte in Abhängigkeit von der Lerngruppe nach den Kernlehrplänen unterrichtet. Seit dem Schuljahr 2011/12 nimmt die Erich Kästner Schüler am Schulobstprogramm NRW teil und berücksichtigt somit regelmäßig Aspekte der Ernährungserziehung. Alle Kinder der Primarstufe zuzüglich der Klassen 5 und 6 erhalten wöchentlich 3 Sorten Obst bzw. Gemüse, deren Verzehr mittlerweile zum festen Bestandteil des Schulfrühstücks geworden ist.  

 

Zuzüglich der individuellen Förderung des einzelnen Kindes stellt ein großer Schwerpunkt in der Primarstufe die Elternarbeit dar. Besonders nach der Enttäuschung, dass ihr Kind am Regelschulsystem nicht mehr ausreichend gefördert werden konnte, benötigen diese Eltern nicht nur praktische Anregungen und Hilfen zur häuslichen Unterstützung und Förderung ihres Kindes. Für einen kontinuierlichen Austausch zwischen Schule und Elternhaus ist in der Unterstufe ein Rückmeldesystem (z.B. in Klasse 1/2/3 der Wochenbericht) installiert. Häufig müssen aber auch Kontakte zu anderen Unterstützungssystemen (z.B. Jugendamt) hergestellt werden, um ggf. therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Dann wiederum ist „psychologischer Beistand“  erforderlich, der häufig auf Einstellungsänderungen ausgerichtet ist. Denn nur die Akzeptanz der sonderpädagogischen Förderbedürftigkeit auf Seiten der Eltern und ein  Perspektivenwechsel  hin zu den Stärken der eigenen Kindes ermöglichen auf der Grundlage einer vertrauensvollen und engen Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus  bestmögliche Förderbedingungen für jedes Kind.